Kiefergelenk, Kopfschmerzen, Gesichtsschmerzen,
Kraniomandibuläre Dysfunktion CMD

 

1  Was bedeutet "Kraniomandibuläre Dysfunktion CMD" ?
2
  Anatomie Kaumuskulatur und Kiefergelenk

3  Ursachen und Risikofaktoren Kraniomandibuläre Dysfunktion CMD

4  Symptome und Zeichen Kraniomandibuläre Dysfunktion CMD
5  Diagnostik Kraniomandibuläre Dysfunktion CMD
6  Behandlung Kraniomandibuläre Dysfunktion CMD
7  Kraniomandibuläre Dysfunktion CMD und Schmerzchronifizierung

Kiefergelenk Schmerzen Kopfschmerzen Zähne
Zähne, Kiefergelenk und
Kopfmuskulatur stehen in
einem engen Zusammenhang
Kraniomandibuläre Dysfunktion CMD

1. Was bedeutet "Kraniomandibuläre Dysfunktion CMD" ?
 

Die kraniomandibuläre Dysfunktion umfasst alle schmerzhaften und nicht schmerzhaften Beschwerden, die auf strukturelle, biochemische und psychische Fehlregulationen der Muskel-, und/oder Kiefergelenk-Funktion zurückzuführen sind (Schweiz: Myoarthropathie; Englisch: Temporomandibular Joint Disorders TMD´s)1. Etwa 10% der erwachsenen Bevölkerung leidet unter Schmerzen der Kaumuskulatur oder der Kiefergelenke und bei etwa 11% tritt ein Geräusch bei Kieferöffnung auf.36
 
 
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2. Anatomie Kaumuskulatur und Kiefergelenk

Kaumuskulatur Masseter Temporalis

Kaumuskulatur Kiefergelenk

Äußere Kaumuskulatur
Musculus masseter (Bäckchenmuskel)
Musculus temporalis (Schläfenmuskel)

Innere Kaumuskulatur
Musculus pterygoideus medialis, M. digastricus,
M. pterygoideus lateralis, M. myloideus
Kiefergelenk von hinten

Kiefergelenk Mundöffnung

Verschiebung des Discus articularis im gesunden Kiefergelenk bei Mundöffnung
(Text und Graphiken entnommen aus "Der etwas andere Kopf- und Gesichtsschmerz, Craniomandibuläre Dysfunktionen CMD von Horst Kares, Hans Schindler, Rainer Schöttl, Schlütersche 2001-2006, Saarbrücken - Saarland2 


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3. Ursachen und Risikofaktoren Kraniomandibuläre Dysfunktion CMD

+ Häufig wiederkehrende oder chronische Schmerzen sind ein typisches Merkmal unserer westlichen Zivilisation, leiden doch viele Menschen an anhaltenden oder häufig rezidivierenden Kieferschmerzen, Gesichtsschmerzen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder an anderen schmerzhaften Beeinträchtigungen. Während in früheren Zeiten Erkrankungen meist kurz und heftig waren und der Betroffene entweder gesundete oder verstarb, so kann heute durch unsere medizinischen Errungenschaften fast jedem akut Erkranktem wirksam geholfen werden. Manchmal ist die Heilung allerdings nur vordergründig, die Erkrankung nur scheinbar überwunden, da sie sich nach und nach zu einer dauerhaften schmerzhaften Beeinträchtigung wandelt. Solche Krankheitsverläufe sind häufig im Bewegungsapparat zu finden. So können zwar auch akute Schmerzen, die durch Unfälle oder andere Ereignisse verursacht sind, häufig erfolgreich behandelt werden, aber nicht selten kommt es in der Folge zu chronischen Schmerzsyndromen im muskuloskelettalen Apparat (Kieferschmerzen, Schmerzen im Kiefergelenk z. B.).

+ Ein anderes typisches Merkmal unserer heutigen Gesellschaft ist die chronische psychische Anspannung, bedingt durch berufliche, familiäre oder andere soziale Faktoren. Zielorgane von solchem Stress sind nicht nur der Magen oder das "Nervenkostüm", nein auch die Zähne sind ein allgemein bekanntes "Hilfsmittel", um angestaute Anspannung mit Hilfe der Kaumuskulatur und dem Kiefergelenk abzuarbeiten (Zähneknirschen, Bruxismus). Nun kann man mit Fug und Recht behaupten, dass die Menschen schon immer unter Stress zu leiden hatten, ja, man sollte meinen, dass sie diesen bei ihrem Überlebenskampf in früheren Zeiten noch erheblich mehr zu erdulden hatten. Allerdings fanden sie auch hinreichend körperlichen Ausgleich und konnten so diesen Stress durch harte tägliche Anstrengung bei der Nahrungssuche und dem Überlebenskampf besser abbauen.

 + Der Mangel an Bewegung und körperlichem Training  ist somit ebenso eines der großen gesundheitlichen Probleme unserer Zeit, wie es die ungenügende Stressbewältigung ist. Der durchschnittliche Erwachsene braucht heute in der Regel bei der Arbeit oder in der Familie nahezu keine körperlich trainierenden Tätigkeiten mehr auszuüben und kann sich bei schweren Arbeiten fast völlig auf Maschinen verlassen. Hinzu kommt, dass unsere Ernährungsgewohnheiten diesen Bedingungen nicht Rechnung tragen und es durch unausgewogene bzw. zu reichliche Nahrungsaufnahme häufig zu zusätzlichen Belastungen des Körpers im Besonderen auch des Bewegungsapparates kommt(Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen u. a.). Neuere Forschungsergebnisse belegen, außerdem dass hormonelle Faktoren einen wesentlichen Anteil an der Entstehung von Schmerzen und einer erhöhten Schmerzempfindlicheit haben können (z.B. in Kiefergelenk und Kaumuskulatur).

+ Ein anderer wichtiger Riskofaktor von Schmerzen sind Schlafstörungen. Einschlaf-, Durchschlafstörungen oder frühes Erwachen sind weit verbreitete Symptome der "Insomnie", der häufigsten Schlafstörung. Wenn wir wenig Tiefschlafphasen durchlaufen und häufig kleine Weckreaktionen erleben, kann sich unsere Muskulatur nachts nicht richtig entspannen und neigt zu erhöhter Aktivität. Das zeigt sich häufig daran, dass morgens die Kiefermuskulatur angespannt ist und Kopfschmerzen auftreten können. Indem hier positiv auf die Schlafqualität eingewirkt wird, z.B. durch eine bessere Schlafhygiene oder Medikamente, können dieser Bruxismus und die Verspannungen reduziert werden.

+ Im Mundbereich kommt hinzu, dass hier häufig ein hoher Therapiebedarf besteht, sei dies durch  Extraktionen4, Kieferfehlwachstum, Karies oder Erkrankungen des Zahnhalteapparates bedingt. Therapeutische Maßnahmen wie Kieferregulierungen. Füllungen oder Zahnersatz führen so zu einer immer größer werdenden Beanspruchung der natürlichen Anpassungsfähigkeit der beteiligten Geweben in der gesamten Kopfregion.

+ Diese Vielzahl von Risikofaktoren können nun dazu führen, dass im Zusammenspiel von weichen und festen Strukturen der Kopfregion ein immer größeres Ungleichgewicht auftritt. Die Muskulatur verspannt und wird schmerzhaft, die Zähne werden empfindlich oder nutzen sich übermäßig ab(Zähneknirschen, Buxismus), das Kiefergelenk beginnt zu knacken, oder schmerzt bei der Bewegung.13

Kiefergelenk und Körperhaltung Kiefergelenk und Stress

CMD-Risikofaktoren Haltungsfehler/Kiefergelenk / Schmerzen in anderen Körperregionen

CMD-Risikofaktor psychosozialer Stress

(Text und Graphiken entnommen aus "Der etwas andere Kopf- und Gesichtsschmerz, Craniomandibuläre Dysfunktionen CMD von Horst Kares, Hans Schindler, Rainer Schöttl, Schlütersche 2001-2006, Saarbrücken - Saarland)

4. Symptome und Zeichen Kraniomandibuläre Dysfunktion CMD

Häufig auftretende Symptome dieser Erkrankung, die u.a. durch den Zahnarzt diagnostiziert wird, sind z.B. Kieferschmerzen, Kaumuskelschmerzen, Kiefergelenkschmerzen, Kopfschmerzen, Geräusche im Kiefergelenk, Tinnitus  aber auch Schmerzen in nicht primär involvierten Strukturen, wie z. B. dem Nacken. Verwirrend für Patient und Behandler ist die Tatsache, dass die Schmerzen häufig nicht dort auftreten wo sie entstehen. D. h. bei "Übertragenen Schmerzen" lösen Triggerpunkte in gewissen Arealen Beschwerden an anderen Orten aus.23 Anbei eine umfangreiche Aufstellung von Symptomen/Zeichen einer Kraniomandibulären Dysfunktion sowie Beschwerden und Risikofaktoren, die bei der Diagnostik Berücksichtigung finden sollten (CMD-Symptomliste):
+ Zähne
   + Bruxismus, d. h. Zähne knirschen oder pressen kann manchmal auftreten22
   + Empfindliche Zähne
   + Zahnschmerzen
   + Biss stimmt nicht (Bissprobleme oder Okklusionsstörungen)21
+ Kiefergelenk
   + Kiefergelenk Schmerzen
  
   + Knacken im Kiefergelenk3
   + Reiben im Kiefergelenk
+ Kiefer und Mund
   + Kieferschmerzen
   + Mund geht nicht richtig auf
   + Einseitiges Kauen
   + Verspannung der Kiefer beim Kauen
   + Taubes Gefühl im Kiefer
+ Kopf und Gesicht
   + Kopfschmerzen19
   + Gesichtsschmerzen
   + Taubes Gefühl im Gesicht
   + Haare werden empfindlich
+ Ohren
   + Ohrgeräusche
   + Ohrschmerzen
   + Schwindel
+ Augen
   + Schmerzen hinter den Augen
   + Lichtempfindlichkeit
   + Sehstörungen
+ Hals und Nacken
   + Schluckbeschwerden (Globusgefühl)
   + Halsschmerzen
   + Unfall mit Verletzung der Kiefer
   + Schleudertrauma
   + Vollnarkose
   + Lange Mundöffnung bei Zahnbehandlung
+ Körper
   + Nackenschmerzen
   + Schulterschmerzen
   + Rückenschmerzen
   + Taubes Gefühl in Armen oder Beinen
   + Schlaf ist schlecht
   + Schnarchen
   + Atemaussetzer in der Nacht
   + Müdigkeit am Tage
+ Psychosoziale Faktoren
   + Stress in Schule/Arbeit/Familie
   + Innere Unruhe
   + Grübelei
   + Depressionen
   + Ängste
   + Früheres traumatisches Erlebnis

Screening-Fragen für CMD
Wenn eine oder mehrere der folgenden Fragen mit "Ja" beantwortet werden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine typische CMD vorliegt, d. h. mit muskulären und/oder gelenkbezogenen Schmerzen (Myofasziale Schmerzen/Arthralgie nach RDC/TMD):
1. Nehmen Sie einmal die Woche Schmerzen wahr, wenn Sie den Mund öffnen oder kauen?
2. Haben Sie Schmerzen in der linken Gesichtshälfte, der rechten oder in beiden?
3. Hatten Sie die letzte Woche Schmerzen an Schläfe, Gesicht, Kiefergelenk mindestens 1x/Woche?14,15



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5. Diagnostik Kraniomandibuläre Dysfunktion CMD (Funktionsdiagnostik)

Zur Beurteilung/Diagnostik der kraniomandibulären Dysfunktion CMD und Differenzialdiagnostik von anderen orofazialen Schmerzsyndromen werden vom Zahnarzt folgende Maßnahmen eingeleitet um somatische und psychosoziale Diagnosen stellen zu können:

1. Ein ausführliches Eingangsgespräch mit Verwendung von standardisierten Fragebögen (Anamnese)
2. Eine Untersuchung von Kieferbewegungen, Kaumuskulatur und Kiefergelenken (Klinischer Funktionsstatus)
3. Eine Panoramaaufnahnahme von Ober- und Unterkiefer ist häufig sinnvoll um zahnärztliche und andere Ursachen von Schmerzen auszuschließen.
4. Auswertung von einem oder mehreren Fragebögen aus der Schmerzpsychologie zum Screening von psychosozialen Beeinträchtigungen.
 

Bei komplexen Krankheitsbildern können aufwändige apparative, radiologische und/oder psychologische Verfahren Anwendung finden sowie andere Fachrichtungen hinzugezogen werden.


Elektronische Diagnoseverfahren können zur Aufklärung und Motivation der Patienten sinnvoll sein,
bei der Behandlung von Kiefergelenk Schmerzen, Gesichtsschmerzen, Kieferschmerzen,
Zähneknirschen oder Bruxismus.
Es gibt aber keine wissenschatlich Belege dafür, dass sie zur Diagnosefindung hilfreich sind9,20,26
 

EMG-Diagnostik Schmerzen der Kaumuskulatur EMG-Diagnostik Schmerzen der Kaumuskulatur

Elektromyographie der Kaumuskulatur beim verspannten Patienten
und Kontrolle der Bisslage

 

6. Behandlung von kraniomandibulären Dysfunktionen CMD

 

Grundgedanke bei der Therapie von CMD ist der schonende Einsatz von reversiblen Mitteln. Dabei werden wissenschaftlich anerkannte Therapiekonzepte je nach Schwere der Erkrankung stufenweise und individuell auf den Patienten abgestimmt, auf Grundlage der evidenzbasierten Zahnmedizin.9,24,25,30,31

  1. Die Aufklärung des Patienten über Diagnosen und Krankheitszusammenhänge ist der erste wichtige Schritt für eine positive Beeinflussung der Erkrankung.
  2. Sinnvoll sind häufig Hinweise zur Selbstbehandlung, wie z.B. weiche Nahrung, Dehnübungen, Wärme- oder Kälte, Entspannungsübungen, Atemübungen, Selbstbeobachtung, "Lippen zu, Zähne auseinander". Biofeedback11 oder Stressmanagement sind ebenfalls effektive Verfahren, die erlernt werden können. Aerobes Ausdauertraining wie z.B. Joggen, Heimtrainer oder Schwimmen sind wirksam bei CMD und vielen anderen schmerzhaften Erkrankungen der Muskulatur.
  3. Eine harte Okklusionsschiene wird vom Zahnarzt häufig eingesetzt und führt in vielen Fällen zu einer Linderung der Beschwerden sowie zu einer Entlastung der Kiefergelenke,6,7,10,17,18
  4. Physiotherapeutische Maßnahmen und täglich durchgeführte Übungen können helfen muskuläre Verspannungen und Schmerzen zu reduzieren.
  5. In ausgewählten Fällen können schmerzlindernde, entzündungshemmende, muskelrelaxierende oder schlaffördernde Medikamente angezeigt sein um Chronifizierungsprozessen entgegen zu wirken und die Lebensqualität zu verbessern.
  6. Transkutane Elektrische Nerven Stimulation (T.E.N.S.) kann durch eine Lockerung der Muskulatur und eine Verringerung der Schmerzen hilfreich sein.23
  7. Es wird diskutiert ob Akupunktur31, Infiltrationen mit Procain oder Nadelung von Triggerpunkten33 sinvoll sind und dauerhaft Linderung bringen können.
  8. Umfangreiche Zahnsanierungen, kieferorthopädische oder chirurgische Maßnahmen sollten nur bei strengster Indikation Anwendung finden nach intensiver Aufklärung und Abwägung der Vor- und Nachteile.5
7. CMD und Schmerzchronifizierung

In wenigen Fällen neigen Patienten mit kraniomandibulären Dysfunktionen/orofazialen Schmerzen zu einer Chronifizierung, insbesondere, wenn mehrere Risikofaktoren vorliegen. Hier können interdisziplinäre Maßnahmen eine Besserung der Beschwerden und der Lebensqualität bewirken, d.h. eine individuelle, patientenbezogene Kombination von verschiedenen therapeutischen Optionen.

Wichtige Hinweise für eine Chronifizierung sind folgende Merkmale:16

  • Schmerzdauer länger als 6 Monate ("Schmerzchronifizierung", "Schmerzgedächnis").
  • Mehrere schmerzhafte Regionen im Körper ("Multilokuläre Schmerzen").
  • Geringe Bereitschaft die eigenen Lebensumstände zu verändern und die Empfehlungen des Behandlers umzusetzen, z.B. Entspannungsübungen, aerobes Ausdauertraining, Stressbewältigung u.a. ("schlechtes coping").
  • Neigung zur "Somatisierung", d.h. die Veranlagung "Stress" in körperliche Symptome zu "übersetzen".
  • Mangelndes Verständnis und Unterstützung durch das soziale und berufliche Umfeld ("schlechtes Bonding").
  • Ausgeprägte schmerzbezogene psychosoziale Beeinträchtigungen wie Fehlzeiten auf der Arbeit, Ängstlichkeit und depressive Tendenzen.
  • Starke Fixierung und Fokussierung auf den Schmerz/die Okklusion und geringe Bereitschaft/Fähigkeit die eigene Aufmerksamkeit auf andere Dinge zu richten. Hier kann auch der Begriff "Okklusale Vigilanz"27,28  verwendet werden, im Sinne einer "Zwangsstörung".29

Je chronifizierter eine Schmerzgeschehen sich darstellt, desto mehr leidet ein Patient und der Schwerpunkt der Behandlung verlagert sich auf die psychosozialen Aspekte der Erkrankung ("Achse II".12 Hier sind Verfahren aus der psychologischen Schmerztherapie sinnvoll wie z.B. Schmerzbewältigungstechniken, kognitive Verhaltenstherapie, Biofeedback, Hypnose u.a....35

 

12 Tipps zur Selbsthilfe bei CMD37

 


      Ihr  Zahnarzt hat bei Ihnen eine craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)diagnostiziert. “C” steht für “Cranium” (Schädel), “M” steht für “Mandibula” (Unterkiefer) und “D” für “Dysfunktion”, d. h. eine Fehlfunktion innerhalb dieser Strukturen. In der Regel entstehen die Störungen in diesem Bereich durch Überlastungen!

      Wir nutzen dieses System für viele Aktivitäten, wie z. B. Sprechen, Kauen, Trinken, Gähnen, Lachen,  Küssen… Wenn diese nicht stattfinden, lassen wir Kaumuskeln und Kiefergelenken Zeit zum Entspannen. Viele Menschen haben aber Gewohnheiten entwickelt, die Muskeln und Gelenken keine Zeit zur Regeneration lassen. Mit folgende Selbsthilfemaßnahmen können Sie eine deutliche Linderung der CMD-Schmerzen erreichen:

1.     Bewegung ist das wichtigste Heilmittel der Natur und wird von allen medizinischen Fachgesellschaften empfohlen (“leichtes aerobes Ausdauertraining”). Dabei werden wichtige Stoffe im Körper freigesetzt, die schmerzlindernd und stimmungsaufhellend sind. In Abstimmung mit Ihren Ärzten/Physiotherapeuten achten Sie auf die richtige Dosierung der Bewegung passend zu ihrer körperlichen Verfassung.

2.     Täglich ein bis zweimal Entspannungsübungennach Jacobson reduziert die Spannung in ihrer Muskulatur und Ihre Schmerzen um ein Drittel. Wenn Ihnen die Langfassung schwerfällt, dann fangen Sie zunächst mit der Kurzfassung von ca. 5 Minuten an (CD Progressive Muskelentspannung nach Jacobson). Es gibt eine Vielzahl anderer Entspannungsverfahren, die ähnliche Effekte entwickeln können.

3.     Achten Sie auf Ihre Zahnkontakte. Vermeiden Sie Zähnepressen oder –knirschen sowie die Anspannung von Zunge und Gesichtsmuskulatur. Die Zähne sollten sich nur berühren, wenn Sie Schlucken und Essen. Ansonsten gilt die Devise “Lippen zu, Zähne auseinander”. Die “Luftschiene” ist die beste Schiene – pusten Sie Luft zwischen die Zähne und lassen Sie diese auseinander. Die Zunge liegt dabei entspannt am Gaumen direkt hinter den oberen Frontzähnen. Achten Sie insbesondere darauf bei der Arbeit, beim Sport, beim Autofahren, bei der Gartenarbeit, in der Küche …

4.     Kiefergymnastik morgens und abends ca. drei Minuten sind sehr hilfreich um die Muskulatur zu dehnen und die Triggerpunkte zu lösen (siehe Formblatt Kiefergymnastik). Wenn die Kiefergelenke schmerzen und entzündet sind, dann sollte diese Übung vorher mit dem Behandler abgesprochen werden.

5.     Die Kopfhaltung scheint eine wichtige Rolle bei CMD zu spielen. Achten Sie auf eine gute Kopf- und Schulter-Haltung. Dies ist besonders wichtig bei längeren Tätigkeiten am PC oder Telefonieren (siehe Formblatt Haltungstraining).

6.     Wärme- und Kälte-Anwendung im Wechsel können die Muskulatur entspannen und die Schmerzen lindern, besonders vor der Kiefergymnastik. Die meisten Patienten bevorzugen Wärme.

+ Verwenden Sie die Wärme 20 Minuten lang zwei bis viermal am Tag. Legen Sie einen warmen feuchten Waschlappen um eine heiße Wärmeflasche oder ein Heizpflaster.

+ Anschließend Eiswürfel in Waschlappen auf diese Stellen anlegen für ca. 5 Minuten, bis ein taubes Gefühl auftritt. Kürzer, wenn es die Schmerzen verschlimmert und nur wenn es gut tut.

+ Wärmepflaster auf der Nacken-, oder Rückenmuskulatur wirken ca. 8 Stunden und sind sehr hilfreich.

7.     Massieren Sie Ihre Kaumuskulatur, wenn Sie es als angenehm empfinden. Benutzen Sie Zeigefinger, Mittelfinger, Ringfinger zum Kneten über der Haut und der Druck sollte als leicht schmerzhaft empfunden werden.

8.     Essen Sie weiche Nahrung. Essen in kleine Stücke schneiden um eine starke Kieferöffnung zu vermeiden. Kauen Sie auf beiden Seiten gleichmäßig.

9.     Vermeiden Sie Kaffee- und Nikotinsum, weil dies die Muskulatur anspannt und den Schlaf stört. Koffein-ähnliche Stoffe findet man auch in Tees, Sodagetränken und Schockolade.

10.  Achten Sie auf Ihre Schlafhygiene. Vermeiden Sie eine Schlaflage, die Spannung auf Nacken und Kiefer ausüben wie z. B. bei der Bauchlage. Vermeiden Sie auch angeregte Gespräche oder Sport am späten Abend, Kaffee oder Alkohol. Diese verschlechtern die Schlafqualität, erhöhen die Muskelspannung in der Nacht und verstärken die Schmerzen (siehe Formblatt Schlafhygiene).

11.  Vermeiden Sie lange Kieferöffnung, z. B. bei aufwändige Zahnbehandlungen oder in Vollnarkose. Langes Singen oder Musizieren führen häufig zu extremer Spannung der Muskulatur und sollten reduziert werden. Wenn diese Aktivitäten nicht zu vermeiden sind, dann sind im Vorfeld Ausgleichsübungen, Dehnungen oder medikamentöse Verfahren manchmal sinnvoll.

12.  Schmerzsalben oder –Pflaster über die entsprechenden Stellen können hilfreich sein. Auch die Einnahme von Paracetamol, Ibuprofen oder Diclofenac über einen kurzen Zeitraum ist manchmal angezeigt, sollte aber von einem Magenschutz begleitet werden. Vermeiden Sie kombinierte Schmerzpräparate und insbesondere wenn Coffein oder Codein zugesetzt ist. Die längere Einnahme von diesen klassischen Schmerzmittel o. ä. kann zu Organschäden/Abhängigkeiten führen und sogar selbst Schmerzen produzieren. Hier ist es sinnvoll unter ärztlicher Anleitung passendere schmerzlindernde Präparate zu verwenden, die keine oder kaum organische/psychische Veränderungen verursachen.

 Ihr Zahnarzt wird Ihnen meistens noch andere individualisierte Therapiemaßnahmen empfehlen, wie z. B. das Tragen einer Okklusionsschiene nachts oder tagsüber, Physiotherapie, Medikamente oder psychologische Verfahren (siehe Arztbrief). Der Einsatz dieser Therapien hängt von vielen Faktoren ab, wie z. B. der genauen Diagnose, dem Chronifizierungsgrad oder dem Alter/Geschlecht des Patienten.

 Einige Patienten werden auf o. g. Maßnahmen nicht ansprechen! Dann können u. a. folgende Faktoren dafür verantwortlich sein:

+ Eine schlechte Umsetzung der Empfehlungen durch die Patienten. Die Gründe dafür sind vielfältig und sollten mit den Behandlern besprochen werden.

+ Es liegt eine andere körperliche, psychologische oder psychiatrische Diagnose vor, die nicht erkannt wurde. Eine weitere multidisziplinäre Diagnostik ist dann notwendig.

+ Durch Veränderungen im Nervensystem haben sich die Schmerzen verselbstständigt und sind chronifiziert. Eine multimodale Schmerztherapie durch spezialisierte Ärzte/Zentren ist dann angezeigt.



Literatur:
(1) Wikipedia: Kraniomandibuläre Dysfunktionen
(2) Kares, Schindler HJ, Schöttl R: Der etwas andere Kopf- und Gesichtsschmerz - Craniomandibuläre Dysfunktionen - Schlütersche (2001)
(3) Reißmann DR, John MT: Ist Kiefergelenkknacken eine Risikofaktor für Schmerzen im Kiefergelenk? (2007)
(4) Huang GJ et al: Third molar extraction as a risk factor for temporomandibular disorder. (2006)
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(36) Manfredini D et al.: RDC/TMD: A systematic review of Axis I epidemiologic findings (2011)
(37) Whright EF: Manual of Temporomandibular Disorders. Wiley Blackwell 2013.

Weitere Quellen:
+ Autor dieser Zeilen ist Dr. Horst Kares 
+ Weitere ausführliche Informationen zu dem Thema entnehmen Sie bitte in dem CMD-Ratgeber "Der etwas andere Kopf- und Gesichtsschmerz - Kraniomandibuläre Dysfunktionen CMD". 2001
+ Bell´s Orofacial Pains: JP Okeson Quintessence 2006
+ TMDs: Laskin, Greene, Hylander, Quintessence 2006
+ Orofacial Pain: American Academy of Orofacial Pain, 2008 Quintessence
+ Management of Temporomandibular Disorders: JP Okeson Quintessence 2008
+ Deutsche Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie 

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Seite wurde zuletzt aktualisiert am: 05.07.2015
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